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Literatur/ Aufsatz: Literarische Erörterung
Autor:
Koeppen 
Jahrgangsstufe: 11,12,13
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Verfasser: Vincent Weiß

 

 

 

Vincent Weiß

Literarische Erörterung

 

Am 23. April wird in diesem Jahr der Welttag des Buches begangen.

Empfehlen Sie einen literarischen Text, der Sie besonders beeindruckt hat, zur Lektüre!

 

Ausgewähltes Werk:

Wolfgang Koeppen

„Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“

Roman

Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag

Frankfurt am Main

1992

 

 

 

 

 

 

 

Gliederung

 

            Biografie Koeppens und wichtigste Werke

1.1             Biografie

1.2             wichtigste Werke

1.3             Entstehung des Romans

1.3             Inhaltsübersicht

         Der Roman kann in mehrerlei Hinsicht zur Lektüre empfohlen werden

2.1      Der Roman ist verständlich und interessant geschrieben

2.1.1             Tagbuchform - gut nachvollziehbar

2.1.2             einfache Erzählperspektive

2.1.3   klare, präzise Sprache

2.2.           Am Beispiel des Jacob Littner wird das Leiden der Menschen im Krieg

            und die Grausamkeit des Krieges erschreckend vor Augen geführt

2.2.1             Atmosphäre der Angst in München

2.2.2             Entrechtung der Nichtdeutschen -Abschiebung

2.2.3   Not und Hunger während des Kriegs

2.2.4             seelische Leiden der Menschen

2.3             Differenzierte Betrachtung der menschenverachtenden Rassenpolitik

            durch den Nationalsozialismus

2.3.1   die entmenschte Bürokratie

2.3.2             Schikanen

2.3.3             Systematische Ausrottung in Polen

2.3.4             Perversion des Verfolgungssystems (Milizen)

2.4             Einblick in die Abgründe des menschlichen Verhaltens in Notsituationen

2.4.1             Machtorgien der NS-Führer

2.4.2   Gier der Bauer gegenüber den Ohnmächtigen

2.5.1   Der verfolgte Jude reagiert nicht mit Hass und Gewalt

2.5.2       Littner stellt seine Fragen an die Menschen in Form von gebetsartigen

           Zusammenfassungen am Ende verschiedener Sinnabschnitte

            Nachdenken über Gewaltbereitschaft

 

 

Ausführung

 

Wolfgang Koeppen wurde 1906 in Greifswald geboren. Er studierte Germanistik Theaterwissenschaften und Philosophie. Seinen Lebensunterhalt bestritt er durch unterschiedliche Tätigkeiten. So fuhr er als Schiffskoch zu See, arbeitete als Dramaturg und Schauspieler, schrieb aber auch Artikel für den „Vorwärts“ und die „Rote Fahne“. 1935 emigrierte er nach Holland, kehrte aber schon 1938 wieder nach Deutschland zurück und lebte bis zu seinem Tode am 15.03.1996 in München.

Zu seinen Vorkriegsromanen gehört „Eine unglückliche Liebe“(1934) und „Die Mauer schwankt“(1935). Die bekannten Nachkriegsromane sind „Tauben im Gras“(1951), „Das Treibhaus“(1953) und der „Tod in Rom“(1954).[1]

Der Roman „Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch“ erschien bereits 1948 unter dem Pseudonym “Littner“. Dieser Roman wurde 1992 im Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag wieder aufgelegt.[2]

Die Entstehung dieses Romans beschreibt Wolfgang Koeppen im Vorwort. Demnach bat ihn ein überlebender Jude nach Kriegsende das Tagebuch seines Leidens und seiner Verfolgung als Buch herauszugeben. Als Bezahlung erhielt Koeppen monatlich zwei Carepakete von Jakob Littner, der nach Amerika emigriert war.[3]

Der Roman erzählt die Geschichte des jüdischen Münchner Briefmarkenhändlers Jakob Littner, der wie durch ein Wunder die grausamen Verfolgungen der Nazis und den Krieg überlebt.

Der Roman enthält keine Kapitel, doch folgt er den wichtigsten historischen Epochen vor und während des Krieges. Die Zeit zwischen 1933 und 1938 wird knapp gerafft. Am 29. September 1938 wird das Münchner Abkommen getroffen. Die damaligen Machthaber Hitler, Mussolini, Chamberlain und Edourd Daladier stimmen Hitlers Forderung zu, die sudetendeutschen Gebiete dem Deutschen Reich einzugliedern.[4]

Die Menschen hoffen, dass Hitler damit seine aggressive Außenpolitik aufgeben werde. Auf Grund der Nürnberger Gesetze und dem „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ vom 15.09. 1935[5] werden Ausländer, vor allem Juden in ihre Heimatländer abgeschoben. Dies erlebt auch der Münchner Briefmarkenhändler Jakob Littner, der einen polnischen Pass besitzt und somit ebenfalls unter die neue Maßnahme fällt.

Am 9.November 1938, in der sogenannten „Reichkristallnacht“, beginnen die ersten systematischen Ausschreitungen gegen die Juden.

Anlass war der Anschlag des 17-jährigen Juden Herschel Grünspan auf den Legationssekretär Ernst von Rath am 7.November 1938 in Paris.[6] Goebbels organisierte daraufhin „spontane“ Ausschreitungen gegen die Juden. Kurz darauf wurde auch jüdisches Eigentum beschlagnahmt und den Juden eine Sondersteuer auferlegt.[7]

Jakob Littner beschließt seine Heimat zu verlassen. Die Tragik seiner Flucht besteht darin, dass er von der Politik immer wieder eingeholt wird. Zunächst flieht er in die Tschechoslowakei. Doch als die Nazis am 15.März 1939 dort einmarschieren, flieht er weiter nach Polen und verbringt dort den Sommer. Vom 1. September 1939 bis zum 16. September 1939 dauert der sogenannte „Blitzkrieg“ gegen Polen. Littner flieht kurz nach Rumänien und dann nach Russland. Aber bereits am 22. Juni 1940 greift Hitler Russland an. Zu dieser Zeit beginnt auch die systematische Vernichtung der Juden in Deutschland und in den von Deutschen besetzten Gebieten. Littner kann überleben und versteckt sich im Sommer und Winter 1943/44 in einem Erdloch eines russischen Gutshofes. Dort wird er schließlich von der vorrückenden Roten Armee 1944 gerettet. 1945 kehrt er in das zerstörte München zurück.

 

Der Roman kann in mehrerlei Hinsicht zur Lektüre empfohlen werden.

Er ist verständlich und interessant geschrieben. Hierzu trägt die Tagebuchform bei. Das Geschehen entwickelt sich vorwiegend chronologisch. Es gibt nur ein paar wenige Stellen, an denen Koeppen die Perspektive anderer Opfer einbringt. Jacob Littner zitiert einen Brief seines Sohnes und schafft damit Einblicke in die Schrecken des Warschauer Ghettos.[8] Ferner werden sparsam Rundfunknachrichten oder Zeitungsberichte zitiert, die das Fortschreiten des Krieges einbringen.

„In der Zeitung lesen wir von den Siegen der Alliierten und von den schrecklichen Luftangriffen auf deutsche Städte.“[9]

 

Alle Verfügungen und Befehle der Unterdrücker werden genau zitiert:

„Ein Plakat ist überall angeschlagen und zeigt eine Riesenlaus. Der Text zu den Plakaten lautet. ‚Nur Juden haben solche, und diese Läuse bringen Krankheiten. Hütet euch vor den Juden!’“[10]

 

Der Tagebuchform entspricht, dass das Geschehen von einem Ich-Erzähler aus geschildert wird. So kann sich der Leser mit dem Verfolgten identifizieren und erlebt sein Schicksal hautnah mit. Die Verbindung zu Littners Münchener Heimat wird durch eine ehemalige Mitarbeiterin Littners geschlagen. Die nichtjüdische Christa unterstützt ihn unter großen Gefahren und ermöglicht am Ende sein Überleben. Durch sie wird auch das Leben in Deutschland während des Krieges vermittelt.

Am Ende des Romans durchbricht der Erzähler den bis dahin berichtenden Ton durch einen Appell an die Überlebenden, indem er sich angesichts des zerstörten Deutschlands fragt, ob die menschliche Katastrophe des Krieges und der Menschenverfolgung vermeidbar gewesen wäre.

„Was wäre geschehen- ich kann nicht umhin dies zu denken-, wenn Deutschland, das alte Deutschland, den Befehlen seines Molochführers nicht gefolgt wäre, wenn es aus Einsicht, Klugheit, Charakterstärke und Christlichkeit den Parolen des Krieges und der Unmenschlichkeit standhaften Ungehorsam entgegengesetzt hätte?“[11]

 

Die Sprache ist journalistisch präzise, nennt Daten und Fakten genau, wird besonders knapp, wenn es um grauenhafte Ereignisse geht.

„Ein Zeuge berichtete, wie die Ermordeten sich erst ihr Grab gegraben, dann sich vor ihm aufgestellt und den tödlichen Schuß empfangen hatten. Das Kind wurde weinend in das Grab gestoßen. Ein Bauer, der beim Zuwerfen des Grabes helfen musste, hatte das Kind noch lange als schon Erde über das Grab gelegt war, weinen hören.“[12]

 

Hinter sparsam gebrauchten Metaphern und Vergleichen verbirgt sich die eigentliche Botschaft des Autors. Während der ersten versuchten Abschiebung nach Polen beschreibt er die Männer der Gestapo:

„Ihre hohen Schaftstiefel waren blank geputzt. Die Kragen ihrer Ledermäntel hatten sie in der Morgenkühle hochgeschlagen. Sie glichen großen unheimlichen gepanzerten Käfern.“[13]

 

Das Bild „Käfer“ vermittelt unaufdringlich die Gefühllosigkeit und Entmenschlichung der Männer der Gestapo.

Auffällig sind Reflexionsabschnitte nach den einzelnen Sinnabschnitten, die sprachlich von dem sonst nüchternem Ton deutlich abweichen und wie Gebete wirken. Nach seiner Rückkehr nach München schreibt er:

„Es war ein böses Bild, eine böse Landschaft, eine böse Reise. Es ist eine böse Zeit! Was mag uns bevorstehen?“[14]

 

Die Repetitio, verbunden mit der rhetorischen Frage verdichtet den Eindruck des Erlebten, dass von nun an das Böse in Deutschland herrsche. An anderen Stellen des Romans nehmen diese Reflexionen einen fast gebetsartigen Charakter an:

„Der Mensch ist des Menschen Feind. Einer schlägt den anderen. Das war immer so und wird immer so bleiben, sagen die Lauen, sagen die Geduldigen, sagen die Herzensträgen. Könnte nicht endlich die Zeit anbrechen, da der Mensch empfindlich wird und des Menschen Schläge nicht duldet?[15]

 

Der sprichwortartige Satz zu Beginn, die Reihung der Nomen, wiederum verbunden mit einer rhetorischen Frage erinnert an den Ton eines Gebets.

 

Am Beispiel von Jakob Littner wird das Leiden der Menschen im Krieg und die Grausamkeit des Krieges erschreckend vor Augen geführt.

Zu Beginn schildert er die Atmosphäre der Angst und Unsicherheit, die sich als Folge der „Reichkristallnacht“ ergeben hat. Jakob Littner lebt als völlig harmloser unpolitischer Briefmarkenhändler in München. Aber als auch die Scheibe seines Briefmarkenladens eingeschlagen worden ist, ergreift selbst ihn die Angst.

„Es war noch dunkel, als es an meiner Tür läutete. Ich wachte auf und sah, dass es erst fünf Uhr war(...) Es geht ein altes Gerücht, nach dem man um diese Zeit ‚abgeholt’ wird.“[16].

 

Littner kann sich von diesem Tag an nicht mehr frei in München bewegen.

Die ersten Schritte der Entrechtung der Nichtdeutschen werden vollzogen, als nichtdeutsche Bürger in ihre Heimatländer abgeschoben werden sollen.

„Auf dem Polizeirevier wurde mir der Pass abgenommen“(...)Gegen Abend wurden wir auf Lastwagen verladen und zur Stadt hinaus gefahren.“[17]

 

Von einem Tag zum anderen steht der beliebte und geachtete Briefmarkenhändler vor dem Nichts und weiß nicht, ob er jemals in seine Wohnung zurückkommt. Niemand hilft ihm. Nur durch Zufall kommt er zurück, weil Polen sich weigert, die abgeschobenen Landsleute aufzunehmen.

Später als Littner sich bereits in Russland befindet, erweisen sich diese ersten Schritte der Entrechtung noch als harmlos. Die Juden mussten in Ghettos unter unmenschlichen Bedingungen zusammenleben. Aufgrund der mangelnden hygienischen Verhältnisse und der unzureichenden Lebensmittelversorgung erkrankten viele, starben vor Erschöpfung. Sein Sohn Soltan schreibt aus dem Warschauer Ghetto:

„Lieber Vater, Du machst dir keinen Begriff, in welcher Situation wir deinen Brief erhalten haben. Ehrenwörtlich haben wir damals schon drei Tage keinen Bissen im Munde mehr gehabt, haben schon den Hungertod verspürt. (...)Täglich sind hier vierhundert bis vierhundertfünfzig Beerdigungen.“[18]

 

Zu den körperlichen Leiden kommen noch die seelischen Leiden. So schließen manche Juden schon vor ihrem wirklichen Tod mit ihrem Leben ab uns sind sogar bereit, sich selbst umzubringen.

„Aus allen Gesichtern spricht Hoffnungslosigkeit. Die einen haben bereits mit dem Leben abgeschlossen und wünschen nichts als ein schnelles Ende.“[19]

 

Die Verfolgung raubte den Juden also nicht nur die Menschenwürde, sondern auch den Lebenswillen.

Auch die Kinder werden verdorben. Sehr makaber ist beispielsweise die Szene, in der jüdische Kinder die „Aktion“ nachspielen. „Aktion“ bedeutete, dass ein Kontingent von Juden zur Vernichtung zusammengetrieben wurde. So spielten die Kinder ihren eigenen Tod:

„Kinder spielten in der Judenstraße. Es waren jüdische Kinder. Ich beobachtete sie vom Fenster aus. Sie spielen ‚Die Aktion’. Sie bauten sich aus Kisten und Brettern Bunker und versteckten sich in ihnen, während andere die SS mimten und sie aus den Bunkern heraustrieben, um sie dann mit aus Holz geschnitzten Gewehren zu erschießen.“[20]

 

 

Der Roman zeigt ferner die menschenverachtende Rassenpolitik des Nationalsozialismus.

So wird Bürokratie zunächst erbarmungslos gezeigt, als die Juden aufgrund der Nürnberger Gesetze des Landes verwiesen werden. Ungeachtet ihrer persönlichen Situation werden sie in den Polizeirevieren wie Tiere zusammengetrieben.

„Das Heer der Wärter übernahm die Herde der Verlorenen. Die meisten Wärter benahmen sich wohl korrekt und waren nur von gewohnter amtlicher Mitleidlosigkeit. Mit fehlt die Erfahrung, um dies zu beurteilen. Aber einige waren so grob, so roh, sie trieben mit Faustschlägen die Menschen vorwärts, daß ich doch das Gefühl hatte, sie entledigten sich ihres menschlich-persönlichen und keines amtlichen Hasses.[21]

 

Waren die Reaktionen bei der ersten Verhaftung noch menschlich entschuldbar, so wird die Bürokratie bei der systematischen Verfolgung zu einem Instrument menschenverachtender Schikane. In Russland werden die Juden durch bestimmte Arbeiten sinnlos gequält. So muss Jakob Littner die Straße kehren, ohne Lohn dafür zu bekommen. Nach gründlicher Reinigung der Straße erscheint jedoch ein SS-Führer, der zuvor absichtlich Papier auf die Straße geworfen hat und ihn wegen der ungenügenden Reinigung der Straße beschimpft. Eine weitere Schikane bestand z.B. in dem Befehl, dass Juden deutsche Soldaten zu grüßen haben, was kurz darauf aber wieder verboten wurde. So wussten die Soldaten nicht mehr, ob sie gegrüßt werden durften oder nicht, und als Folge wurden die Juden verprügelt, egal ob sie grüßten oder nicht.

Die Schikanierung gipfelt schließlich in der systematischen Ausrottung der Juden, die vor allem in Polen vonstatten ging. Diese Ausrottung , die in den Ghettos vollzogen wurde, spiegelt sich den verschiedenen Aktionen wider. In diesen „Aktionen“ wurden durch bürokratische Maßnahmen nach und nach ein Teil der Juden aus den Ghettos herausgezogen und vernichtet.

So wurde z.B. in einer Aktion beschlossen, dass Juden nur mit einer gültigen Meldekarte und Stempel geduldet sind. Diesen Stempel und die Meldekarten erhielten jedoch nur Juden, die den hohen Preis für diesen Stempel zahlen konnten. Der Rest war dem sicheren Tod geweiht.

Das bürokratische Verfolgungssystem gewinnt eine weitere Perversion, als die sogenannten Milizen eingeführt wurden. Diese Milizen setzen sich zusammen aus jüdischen Sträflingen, die sich für enorme Geldsummen bei den Nazis einkauften, um ihr Leben zu schützen. Allerdings konnten sie ihren Tod nur hinauszögern und wurden später selbst hingerichtet.

„Von der Miliz waren eintausendfünfzig Juden erschossen worden. Dann wurden sie selbst vor die Maschinengewehre gestellt.“[22]

 

Außer den bereits genannten bürokratischen Schikanen und Perversionen der Judenverfolgung erlaubt der Roman Einblicke in die Abgründe des menschlichen Verhaltens in Notsituationen.

Littner schildert die angesichts der Leiden der Juden an Perversion nicht mehr zu übertreffenden Machtorgien der SS-Offiziere. So wurden die Juden aufgefordert, sich ihr eigenes Grab zu schaufeln und sich anschließend davor zu stellen, damit sie erschossen werden können.

Ferner wurden den Milizen befohlen, ihre eigenen Verwandten und befreundeten Mitbürger zu erschießen. An einer anderen Stelle wird berichtet, wie ein SS-Führer fröhlich erst ein Mädchen und anschließend einen Jungen erschießt.

 

„Zu Fräulein H, einem bildhübschen, achtzehnjährigen Mädchen, sagten die Männer der SS: ‚Ja, du bist hübsch. Dafür bekommst du zwei Kugeln.(...) Ein fünfjähriger Junge blickte mit großen Augen auf seinen Henker. ‚Na, Kleiner, für dich auch eine Kugel’, sagte der fröhliche Mörder und erschoß den Knaben.“[23]

 

Ferner wird die Gier der Bauern gegenüber den Ohnmächtigen aufgezeigt. So fahren die Bauern in die Ghettos und bieten den Sträflingen für unermesslich wertvolle Gegenstände wie Schmuck, Uhren, ja sogar Zahnplomben im Vergleich dazu lächerlich billige Lebensmittel an.

Der Höhepunkt menschlicher Gier wird gezeigt, als ein Gutsherr Jakob Littner und seiner Begleiter nach ihrer Flucht aus dem Ghetto nach und nach ihres gesamten Eigentums beraubt. So muss Jakob Littner seine Freundin Christa regelmäßig um hohe Geldsummen bitten, damit er wenigstens für die nächsten Tage in seinem Erdloch unter dem Haus des Gutsherrn„leben“ darf. Sogar seine goldene Zahnplombe reißt er sich heraus, um die Gier des Gutsherrn zu stillen:

„Wir müssen dann ganze Wunschzettel mit Dingen, die er haben möchte, an Christa schreiben.(...) Heute wünschte er sich eine Armbanduhr. Er ist unersättlich. Ein größerer Betrag oder ein größeres Geschenk befriedigen ihn immer nur für einige Tage.“[24]

 

 

Neben den Einblicken in die Abgründe der Judenverfolgung des Dritten Reiches und die schrecklichen Auswirkungen des Krieges spricht für den Roman auch seine humane Botschaft.

Jakob Littner reagiert nicht mit Hass und Gewalt auf Demütigungen, die er erleiden musste, sonder sucht in jeder Situation nach den Gründen des menschlichen Versagens. Er unterscheidet genau zwischen den Peinigern und den einfachen Soldaten:

„Es kamen heute drei deutsche Soldaten ins Ghetto. Zuerst entstand die übliche Panik. Man hielt die Soldaten für SS-Männer. Ich hatte aber erkannt, daß es Angehörige der Wehrmacht waren und war vor dem Haus stehengeblieben, als alles floh. Die drei fragten mich, warum die Menschen davonliefen. Sie täten doch niemandem etwas.“[25]

 

Selbst die Verbrechen des grausamen Oberbefehlshaber der SS versucht er psychologisch zu erklären:

„Der Landwirt Pfeiffer und der Landeskommissar von Braunschweig sind andere Gestalten. Pfeiffer kann ich mir sehr gut in seiner Heimat denken, als einen unbedeutenden kleinen Mann mit kleinem Einkommen, voll Unbefriedigung und unter dem Pantoffel einer verblühten Gattin. Hier geht er, um zu fühlen, dass er mal wer ist, mit einer Reitpeitsche umher, und wenn ihm einer begegnet, dessen Gesicht ihm nicht gefällt, dann schlägt er zu.!“[26]

 

Die am Ende nicht mehr zu beantwortenden Fragen nach dem Grauen der Verfolgung und der Entmenschung der Menschen fasst Littner in gebetsartigen Sentenzen zusammen, die zur wahren Natur des Menschen Fragen stellen. In diesem Zusammenhang stellt er sich auch die Frage nach einem lenkenden Gott. Tatsächlich findet er während seiner Verfolgung zum Glauben an Gott zurück.

Nach seiner Freilassung denkt er angesichts der erhängten SS-Führer über den Sinn der menschlichen Strafe nach:

„Ich kenne die Strafe nicht, die die Ermordeten lebendig, die das Unrecht ungeschehen machen könnte. Die erlittene Bitternis läßt mich keine Antwort auf die alte Frage finden: Was ist Gerechtigkeit in dieser Welt? Ich möchte nicht, daß das Morden nunmehr fortgesetzt, daß weiterhin Galgen errichtet werden und Erschießungskommandos ihr blutiges Werk tun. Ich sage, es ist genug getötet worden. Der Mensch hat genug Blut vergossen. Kain hat immer wieder Abel getötet. Es ist für alle Zeit genug.“[27]

 

Mit diesen Gedanken ergibt sich für Littner eine neue Einstellung gegenüber der Gewalt, die ihn selbst mindere Lebensformen schätzen lässt. Als er mit Typhus im Ghetto krank darniederliegt, belästigen Mäuse ihn und die anderen Kranken und Verletzten. Seine eigene Situation lässt ihn aber die Tiere mit einem neuen Respekt behandeln:

„Erst wollte ich die kleinen grauen Tiere verscheuchen, dann unterhielten sie mich. Ich lernte allmählich die einzelnen unterscheiden und gab ihnen Namen und empfing sie wie Gäste. Da man mir so oft das Leben nehmen wollte, habe ich gelernt, das Leben zu achten – auch in der niedrigsten Kreatur.“[28]

 

 

Der Roman ist insgesamt als Lektüre zu empfehlen, weil er einen sehr nüchternen Einblick in das Grauen des Nationalsozialismus, des Krieges und insbesondere der Judenverfolgung gibt.

Er zeigt die zunehmende Verrohung des Menschen in totalitären Systemen auf  und stellt eine Mahnung an die demokratische Gesellschaft dar, auch auf kleinste menschenverachtende Aktionen, seien sie von links oder von rechts, sensibel zu reagieren.

„Haß ist ein schreckliches Wort! Haß, Wahnsinn und Verblendung führten das Unglück heran. Ich hasse niemanden. Ich hasse auch die Schuldigen nicht. Ich habe unter ihrer Verfolgung gelitten; aber ich maße mir nicht an, ihr Richter zu sein.“[29]


[1] Zitiert nach mgratz@compuserve.com

[2] Wolfgang Koeppen:Jakob Littners Aufzeichnung aus einem Erdloch, Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main, 1992

[3] Vgl. Jakob Littners Aufzeichnungen, S.5 und 6

[4] Vgl. Der Große Plötz, 29.Auflage, Würzburg 1980,S. 942

[5] Vgl. Der Große Plötz, 29.Auflage, Würzburg 1980,S. 942

 

[6] Vgl. Chronik des 20. Jd. Westermann-Hermes, S.533

[7] [7] Vgl. Der Große Plötz, 29.Auflage, Würzburg 1980,S. 943

[8] Vgl. Jakob Littners Aufzeichnungen, S.72-73

[9] Vgl. Jakob Littners Aufzeichnungen, S.144

[10] Jakob Littners Aufzeichnungen, S.61

[11]Jakob Littners Aufzeichnungen, S.149

[12]Jakob Littners Aufzeichnungen, S.143

[13]Jakob Littners Aufzeichnungen, S.20

[14]Jakob Littners Aufzeichnungen, S.21

[15]Jakob Littners Aufzeichnungen, S.148

[16]Jakob Littners Aufzeichnungen, S.11

[17]Jakob Littners Aufzeichnungen, S.13,S.15

[18] Jakob Littners Aufzeichnungen, S.72,S.73

[19]Jakob Littners Aufzeichnungen, S.91

[20]Jakob Littners Aufzeichnungen, S.118

[21]Jakob Littners Aufzeichnungen, S.15,16

[22] Jakob Littners Aufzeichnungen, S.108

[23] Jakob Littners Aufzeichnungen, S.110,111

[24] Jakob Littners Aufzeichnungen, S.127

[25] Jakob Littners Aufzeichnungen, S.118,119

[26] Jakob Littners Aufzeichnungen, S.60

[27] Jakob Littners Aufzeichnungen, S.138/139

[28] Jakob Littners Aufzeichnungen, S.99

[29] Jakob Littners Aufzeichnungen, S.149

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