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Jahrgangsstufe: 9 bis 13
Aufsatzart: Erschließung und Interpretation narrativer Texte
Thema: Merkmale der Kurzgeschichte
Verfasser: Eduard Fleischmann

 

Allgemeine Kennzeichen der Kurzgeschichte

 

Allgemeine Kennzeichen der Kurzgeschichte 

1. Unmittelbarer Beginn (Einstieg) ohne Einleitung, welche die W-Fragen (Wer? Wo? Wann? etc.) klärt. Diese wird im folgenden Verlauf früher oder später nachgeholt oder muss zwischen den Zeilen erschlossen werden. 
Absicht / Wirkung: Spannung wird erzeugt, der Leser wird an den Text gefesselt, wird zum aufmerksamen, intensiven, sogar wiederholten Lesen gezwungen (vertieftes Verständnis beim wiederholten Lesen = hermeneutischer Zirkel). 

2. Offener / halb offener Schluss: Die Handlung bricht ab, die Geschichte endet oft ohne einen Abschluss, ein Ende. Dies kann ein völlig offener Schluss sein ohne irgendeinen Hinweis auf den Ausgang; oder beim halb offenen Schluss gibt es Hinweise auf einen wahrscheinlichen Ausgang, ohne dass dieser erzählt wird. 
Absicht / Wirkung: Der Leser soll / muss sich selber Gedanken machen, welche Wirkung, Folgen das Geschehen für den / die Beteiligten haben kann. Er wird gezwungen, am Text "mitzuarbeiten", das Ereignis und die möglichen Folgen zu bewerten. Dabei können verschiedene Leser zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen gelangen. 

3. Die Handlung ist in der Regel eine alltägliche, keine außergewöhnliche, beinhaltet aber einen Konflikt (innerer oder äußerer) und einen wichtigen Einschnitt, oft sogar einen Wende im Leben des / der Beteiligten, wenn danach die Dinge, die Lebensumstände, nicht mehr so sind wie zuvor. Handlung und Konflikt können sich völlig in einen Menschen verlagern, so dass diese innere Handlung bedeutsamer ist als das rein äußere sichtbare Geschehen (Wechselwirkung). 

4. Ebenso sind die wenigen (oft nur eine Person) Charaktere alltägliche, durchschnittliche Menschen. 
Ihr Charakter wird durch die Geschichte nur skizziert, meist nur auf einem bestimmten Zug reduziert (Roman = Gemälde, Kurzgeschichte = Skizze). 
Indirekte Charakterisierung (d.h., sie muss aus dem Handeln, Verhalten erschlossen werden). 

5. Zeitverhältnisse: Die erzählte Zeit (oft eine kurze Episode) ein relativ kurzer Zeitraum (Stunden). Da die Geschichte in einem Zug lesbar sein soll (amerikanische Faustregel: 1000 Wörter, U-Bahn-Lektüre!), ist die Lese- /Erzählzeit ebenfalls kurz. 
Daher nähern sich Erzählzeit und erzählte Zeit an; aus der traditionellen Zeitraffung wird beinahe Zeitdeckung (Dialoge!), und in extremen Fällen moderner Kurzgeschichten sogar Zeitdehnung (Psychologisierung, Detailbeschreibung, Rückblenden etc.). 

6. Die Erzählperspektive ist häufig die des Ich-Erzählers (Rückschau, chronologische Anordnung) mit eingeschränktem Wissen für den Leser. Er erfährt oft nicht mehr (sogar weniger) als der Icherzähler zum Zeitpunkt des Geschehens weiß. 
Moderne Kurzgeschichten haben oft einen Er-Erzähler, der weit hinter (in!) die Hauptfigur(en) zurücktritt. Er ist häufig nur noch in verbindenden Zwischentexten nachweisbar (..sagte er.). 
Manchmal erzählt er wie aus dem Bewusstseinszentrum einer oder mehrerer Personen (innerer Monolog!), oder er verhält sich wie ein völlig neutraler Beobachter, ohne die Gedanken und Gefühle seiner Figuren preiszugeben (wie eine neutral registrierende Kamera!), indem er ausschließlich äußere Vorgänge abschildert (Schnitttechnik). 
Absicht / Wirkung letzterer Erzählhaltung: 
Der Leser ist gezwungen, den Text sehr intensiv zu lesen, vieles an inneren Vorgängen zu erschließen, um zu verstehen, die Gedanken, Gefühle und Reaktionen aus den äußeren Hinweisen abzuleiten und auch die Charakterzüge so zu erfassen: aktives, mitdenkendes, mitschaffendes Lesen wird erforderlich. 

7. Die Sprache ist in der Regel ebenso schlicht und alltäglich wie die Menschen und das Geschehen. 
Wenn poetisches Material (Metaphern, Vergleiche, Personifizierungen, Anaphern etc.) auftreten, so sind sie von besonderer Bedeutung und ausgesprochen aussagekräftig. Wortwahl und Satzbau können sehr unterschiedlich sein, neigen aber zur Schlichtheit. 
Die Analyse dieser beiden Bereiche liefert immer wichtige Hinweise für das Textverständnis. 

8. Nicht alle Kennzeichen sind immer in jeder Kurzgeschichte zu finden. Dies gilt vor allem für Mischformen (z.B. mit Parabeln, Gleichnissen, Anekdoten etc.). 

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