Bange-Verlag

Wie interpretiere ich Lyrik? Übungen mit Lösungen.

Grundbegriffe der Poetik

Eine Textauswahl aus dem gleichnamigen Bange-Lernhilfen-Band.

Thomas Möbius: Wie interpretiere ich Lyrik?
Übungen mit Lösungen.
Bange Lernhilfen, Sekundarstufe I/II.

ISBN: 3-8044-1432-X – © 2000


Fachbegriff Erklärung
Absolute Poesie

Dichtung ohne konkreten Realitätsbezug, die sprachlichen Bilder werden zu einer eigenen Wirklichkeit zusammengesetzt; Sprache, Klang und Rhythmus werden ihrer selbst wegen gepflegt (l'art pour l'art); verwirklicht bei Baudelaire, Mallarmé, Rimbaud.

Akzent

(lat. Zugesang)

Hervorhebung durch besondere Betonung (Erhöhung der Tonstärke); Versakzent wird durch die Anzahl der > Hebungen und > Senkungen in einem Vers bestimmt, die Hebungen ermittelt man durch die natürliche Betonung eines Wortes. Wortakzent richtet sich nach der Stammsilbe (z.B.: geben). Satzakzent wird bestimmt durch die Aussageabsicht. Das, was besonders betont werden soll, steht am Anfang oder am Ende des Satzes.

Alexandriner

Reimvers mit sechshebigem > Jambus, der nach der dritten > Hebung eine deutliche > Zäsur aufweist.

Beispiel:

Du siehst, wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden (Gryphius Es ist alles eitel, V.1)

| v _ | v _ | v _ |   | v _ | v _ | v _ | v

Akkumulation

 

(lat. Anhäufung)

Anhäufung von Worten, dadurch größerer Nachdruck auf der Aussage

Beispiel: Wer zählt die Völker, nennt die Namen

Die gastlich hier zusammenkamen?

Von Theseus' Stadt, von Aulis Strand,

Von Phokis, vom Spartanerland,

Von Asiens entlegner Küste,

Von allen Inseln kamen sie

(Schiller, Die Kraniche des Ibykus)

 

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Alkäische Strophe

Vierzeilige, aus zwei elfsilbigen Versen, einem neun- und einem zehnsilbigen Vers bestehende antike Strophenform, benannt nach dem griechischen Dichter Alkaios; die alkäische Strophe besteht aus Jamben, Trochäen und Dakty-len, die folgendermaßen angeordnet sind:

v – v – v – v v – v –

v – v – v – v v – v –

v – v – v – v – v

– v v – v v – v – v

Beispiel: Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!

Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel

Mich nicht hinabgeleitet; einmal

Lebt' ich wie Götter, und mehr bedarf's nicht

(Hölderlin, An die Parzen)

Allegorie

(gr. bildliche Redeweise)

Bildhaft-konkrete Darstellung von etwas Abstraktem, Allegorie ist das, was sie meint (Unterschied zum > Symbol)

Beispiel: Greis, der Alter darstellt

Alliteration (Stabreim)

(aus lat. hinzu+Buchstabe)

gleicher Anlaut der Stammsilbe

Beispiel: wiegende Welle

 

Alternation

(lat. abwechseln)

Regelmäßiger Wechsel von einsilbiger > Hebung und einsilbiger > Senkung

Beispiel: Fest gemauert in der Erden

Steht die Form aus Lehm gebrannt

(Schiller, Das Lied von der Glocke)

Anadiplose

(gr. Verdoppelung)

Verstärkende Wiederholung des letzten Wortes oder von Teilen des letzten Satzes zu Beginn eines folgenden Satzes oder Verses

Beispiel:

Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt

der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete

(Celan, Todesfuge, V.5f.)

Anapäst

(aus gr. Zurückschlagen)

Dreisilbiger > Versfuß, der aus zwei kurzen (unbetonten) Silben und einer langen (betonten) Silbe besteht

Beispiel: Anapäst

v v –

Anapher

(gr. Beziehung)

Wiederholung desselben Wortes oder derselben Wortgruppe am Anfang von aufeinander folgenden Sätzen oder Satzgliedern

Beispiel:

Ist sie dann gleichwol was / wem ist jhr Thun bewust? /

Ist sie auch gut vnd recht/wie bringt sie böse Lust?

(Opitz, Francisci Petrarchae)

Anrede

Formulierung, die sich an Leser wendet

Anspielung

halb versteckte Andeutung

Antithetik

(aus lat. gegen+Behauptung)

Gegenüberstellung von Begriffen oder Inhalten

Beispiel:

Ist Liebe lauter nichts / wie daß sie mich entzündet? (Opitz, Francisci Petrarchae)

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Apodiktische Aussagen

(gr. Nachweis, Beweis)

Keinen Widerpruch duldende Aussagen

Apostrophe

 

(gr. Ablenkung)

Abwendung vom Leser

Beispiel:

Fest gemauert in der Erden

Steht die Form, aus Lehm gebrannt.

Heute muß die Glocke werden,

Frisch, Gesellen, seid zur Hand.
(Schiller, Das Lied von der Glocke)

Archaisierung

(gr. Anfang)

Benutzung altertümlicher Wörter

Beispiel: sintemal (für da)

Asklepiadische Strophe

Antike vierzeilige Strophenform, benannt nach dem Dichter Asklepiades, mit der folgenden Struktur:

– v – v v – – v v – v –

– v – v v – – v v – v –

– v – v v – v

Beispiel:

Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht

Auf die Fluren verstreut, schöner ein froh Gesicht,

Das den großen Gedanken

Deiner Schöpfung noch einmal denkt

(Klopstock, Der Zürchersee)

Assonanz

(gr. gleich tönend)

Halbreim durch Gleichklang der Vokale

Beispiel: Ich weis nicht was ich wil/ich wil nicht was ich weis

(Opitz, Francisci Petrarchae)

Asyndeton

(gr. unverbunden)

Reihung von Sätzen oder Satzgliedern ohne Konjunktion

Beispiel:

Jtzt Blumen / morgen Koth / wir sind ein Wind / ein Schaum/

Ein Nebel und ein Bach / ein Reiff / ein Thau' / ein Schatten.

(Gryphius, Thränen in schwerer Krankheit. Anno 1640)

Attribute

 

(lat. Eigenschaft)

Beifügung zur genaueren Bestimmung der Eigenschaft

Beispiel:

(...) ich sitz in tausend Schmertzen

(Gryphius, Thränen in schwerer Krankheit. Anno 1640)

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Auftakt

Unbetonte, der ersten Hebung vorangehende Silbe(n) am Versanfang

Beispiel:

Mir ist ich weiß nicht wie / ich seufftze für und für.

(Gryphius, Thränen in schwerer Krankheit. Anno 1640)

Aufzählungen

(> Trias)

Häufung von Begriffen oder Ausdrücken

Beispiel: s. Beispiel unter Asyndeton

Ausruf

Ausrufungssatz

Beispiel:

Der edle Mensch

Sei hilfreich und gut! (Goethe, Das Göttliche)

Binnenreim

> Reimformen

Bänkelsang

Im 17. Jh. von umherziehenden Schaustellern zu Drehorgelmusik vorgetragene Geschichten, mit spannend-schauerlichem und lehrhaftem Inhalt (> Moritat). Die Bezeichnung kommt von der Holzbank, von der aus diese Geschichten vorgetragenen wurden.

Ballade

(ital. Tanzlied)

Ursprünglich ein zum Tanzen gesungenes Lied, heute versteht man darunter eine knapp skizzierende Erzählung in Strophenform, die ein geheimnisvolles, außergewöhnliches Ereignis mit meist tragischem Ende aus der Geschichte, der Sage, der Legende oder aus dem zeitgenössischen Geschehen thematisiert. Die Spannung wird im Schluss, der Pointe, aufgelöst. Man unterscheidet Volksballaden, die als einfache Erzählungen mündlich tradiert wurden, und Kunstballaden, die von einem Dichter gestaltet werden und meist einen kunstvollen Aufbau besitzen.

Beispiel: Schiller, Der Ring des Polykrates, Goethe, Der Zauberlehrling

Bild

Sprachliche Form des anschaulichen, aber uneigentlichen Sprechens, d.h., der sprachliche Ausdruck meint nicht das Bild, sondern etwas anderes.

Beispiel:

Hektor ist stark wie ein Löwe. Das sprachliche Bild kann verschiedene Formen

haben, z.B. > Allegorie, > Chiffre, > Emblem, > Metapher, >Personifizierung, > Symbol, > Synekdoche, > Vergleich.

Bilderlyrik

 

Gedichte, bei denen die grafische Anordnung des Textes eine bildliche Ergänzung zum Inhalt ist.

Beispiel:

Wörter

Meine Fallschirme

Mit euch

springe

ich

ab

Ich fürchte nicht die Tiefe

Wer euch richtig

öffnet

schwebt

(Bienek, Wörter)

Blankvers

reimloser, fünfhebiger > Jambus

Beispiel:

Es eifre jeder seiner unbestochnen,

Von Vorurteilen freien Liebe nach! (Lessing, Nathan)

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Chevy-Chase-Strophe

(engl. Jagd auf den Cheviotbergen)

Strophenform der englischen Volksballade (15. Jh.) mit folgendem Aufbau:

v – v – v – v –

v – v – v –

v – v – v – v –

v – v – v –

Charakteristisch ist besonders die männliche Kadenz aller Verse.

Beispiel:

Der Weltraum fernt mich weit von dir,

So fernt mich nicht die Zeit.

Wer überlebt das siebzigste

Schon hat, ist nah bei dir.

(Klopstock, Das Wiedersehen)

Chiasmus

(Name von Gestalt des gr. Buchstaben c)

Überkreuzung von Satzgliedern oder Wortgruppen, die sich inhaltlich oder formal entsprechen

Beispiel: Die Kunst ist lang und kurz ist unser Leben (Goethe, Faust)

Chiffre

(frz. Zahl, Ziffer)

Sprach- oder Bildsymbol, das verkürzt auf einen komplexen Zusammenhang, der meist aus dem Kontext erschlossen werden muss, verweist.

Beispiel: Stadt (Trakl, An die Verstummten)

Daktylus

 

(gr. Finger)

Dreisilbiger > Versfuß, der aus einer langen (betonten) Silbe und zwei kurzen (unbetonten) Silben besteht

Beispiel:

Daktylus

– v v

Diminutive

(lat. Verkleinerung)

Verkleinerungsform eines Nomens durch Anhängung von -chen

Beispiel: Kindchen

Dinggedicht

distanzierte, „objektive" Beschreibung von Dingen durch ein ganz aus dem Gedicht zurückgezogenes lyrisches Ich

Beispiel: Heym, Der Krieg

Dingsymbol

(gr. Kennzeichen, Merkmal)

Gegenstand mit übertragener Bedeutung und Leitmotivcharakter (> Symbol)

Beispiel: die Glocke in Schillers Das Lied von der Glocke

Distichon (Plural: Distichen)

(gr. Doppelvers)

Antike Strophenform, die aus einem > Hexameter und einem > Pentameter besteht

Beispiel:

Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule,

Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab (Schiller Das Distichon)

Elegie

(vielleicht von gr. Flöte)

Ursprünglich Bezeichnung für ein in > Distichen abgefasstes Gedicht; später als Bezeichnung für Klagegedicht

Beispiel: Zuckmayer, Elegie von Abschied und Wiederkehr

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Ellipse

(gr. Auslassung)

Auslassung eines Wortes/Satzgliedes in einem Satz

Beispiel:

Jtzt Blumen / morgen Koth / wir sind ein Wind / ein Schaum

(Gryphius, Thränen in schwerer Krankheit. Anno 1640)

Emblem

(gr. Einlegearbeit)

Kunstform, entstanden im Barock, die in einer Dreiteilung in Überschrift, Bild und erläuternden Text die symbolische Darstellung eines Sachverhaltes unternimmt.

Endreim

Gleichklang einer oder mehrerer Silben von der letzten Hebung an

Beispiel:

Ich weine Tag und Nacht / ich sitz in tausend Schmertzen;

Und tausend fürcht ich noch / die Krafft in meinem Hertzen

(Gryphius, Thränen in schwerer Krankheit. Anno 1640)

Enjambement

 

(frz. Überschreitung)

Zeilensprung, Vers- und Satzende stimmen nicht überein, dadurch besondere Hervorhebung des Inhalts, Zeichen von Zusammenordnung / Zusammengehörigkeit, Steigerung der Dynamik

Beispiel:

du solltest dich einrichten, denn

wer sagte,

man müsse das Leben tapfer durchleben?

(Szymborska, Werbeprospekt)

Epigramm

(gr. Aufschrift)

Sinngedicht, meist als Zweizeiler, das einen Gedanken treffend formuliert (Kurzform der > Gedankenlyrik)

Beispiel:

Spruch, Widerspruch: Ihr müßt mich nicht durch Widerspruch verwirren!

Sobald man spricht, beginnt man schon zu irren. (Goethe, Epigrammatisch)

Epipher

(gr. Zugabe)

Wiederholung desselben Wortes oder derselben Wortgruppe am Ende aufeinander folgender Satzglieder oder Sätze

Beispiel:

Ich sah auf dich und weinte nicht. Der Schmerz

Schlug meine Zähne knirschend auseinander;

Ich weinte nicht. (...)

(Schiller, Don Karlos)

Erlebnislyrik

Überholter Begriff für ein Gedicht, in dem ein lyrisches Ich Stimmungen und Gefühle ausdrückt; diese Stimmungen beeinflussen die äußere Wahrnehmung

Beispiel: Eichendorff Mondnacht

Erweiterter Reim

Gleichklang von Wörtern zweier oder mehr Verse, der schon vor der letzten Hebung einsetzt

Beispiel:

Freude dem Sterblichen,

den die verderblichen,

schleichenden, erblichen

Mängel umwandeln. (Goehte, Faust)

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Euphemismus

(gr. Worte von guter Vorbedeutung sprechen)

positive Umschreibung negativer Sachverhalte, dadurch Verschleierung der Realität, Beschwichtigung

Beispiel: Freisetzung von Arbeitskräften für Entlassung

Erzählgedicht

> Ballade

Farbsymbol

(Farbe + gr. Kennzeichen, Merkmal)

Konkrete Zeichen, in diesem Falle Farben, die auf abstrakten Inhalt hindeuten. Beispiele für Farbsymbole und ihre gängigen Bedeutungen:

• braun: Farbe des Bodens, mütterliche Farbe, im Mittelalter Symbol der Demut; auch als Farbe der Nationalsozialisten

• blau: Farbe der Unendlichkeit, Sehnsucht, Treue und Verlässlichkeit, auch als Trauerfarbe und Farbe des Bösen

• gelb: Fruchtbarkeit, Sinnlichkeit, auch negativ als Farbe der Ausgestoßenen, Farbe des Neides

• grün: Farbe der Hoffnung, des aufbrechenden Lebens, der Liebe, auch negativ als Farbe des Todes

• weiß: Farbe der Reinheit, der Unschuld, auch als Farbe der Trauer

• rot: Farbe des Lebens, der Liebe, auch für Kampf, Gefahr, Blut; in der Bibel auch für Sünde

• violett: Treue, auch Buße

• schwarz: Farbe des Unglücks, der Trauer, des Bösen

Figurengedicht

> Bilderlyrik

Freie Rhythmen

Gedicht, bei dem feste metrische Formen, Reime, gleiche Vers- oder Strophenlänge aufgegeben werden, rhythmisch zumeist stark gegliedert (Unterschied zur Alltagssprache des > Prosavers)

Beispiel: Goethe Prometheus, Gesang der Geister über den Wassern

Freie Verse

Gedicht, das wie > freie Rhythmen unterschiedliche Verslängen aufweist; im Gegensatz zu > freie Rhythmen mit Reim und metrischem Schema

Beispiel:

Als mich mein Traum verschlug,

Fand ich mich wandern im schönsten Nachmittag

Den Hügel nieder, der schwebte und mit Flügeln schlug.

Zu meinen Füßen lag

Das Land in goldenem Staat,

Das Land in Schwaden rauschend der gereiften Saat. (Werfel, Der Ritt)

Gattung

 

Bezeichnung für die Naturformen der Poesie (Goethe), Lyrik, Drama, Epik, die

sich auch gegenseitig durchdringen können; der Begriff Gattung wurde in neuerer Zeit durch Textsorte ersetzt.

Gedankenlyrik

 

Gedicht, in dem philosophische oder theologische Gedanken gestaltet werden

Beispiel: > Epigramm

Ghasel

(arab. Gespinst)

Orientalische Gedichtform, bei der der erste Vers des Gedichtes das Reimwort für alle geraden Verse vorgibt; die ungeraden Verse bleiben reimlos.

Beispiel:

Der Strom, der neben mir verrauschte, wo ist er nun?

Der Vogel, dessen Lied ich lauschte, wo ist er nun?

Wo ist die Rose, die die Freundin am Herzen trug,

Und jener Kuß, der mich berauschte, wo ist er nun?

Und jener Mensch, der ich gewesen, und den ich längst

Mit einem andern Ich vertauschte, wo ist er nun? (Platen)

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Gleichnis

Erweiterter Vergleich, bei dem ein tertium comparationis _ ein Vergleichspunkt _ die Verbindung zwischen Bild- und Sachhälfte herstellt

Beispiel: Goethe, Gesang der Geister über den Wassern

Groteske

Verbindung von Unvereinbarem, dadurch Erheiterung, Wecken von Interesse, eventuell auch Entsetzen

Beispiel: Dürrenmatt, Die Physiker

Haiku

(jap. Kettengedicht)

Kürzeste japanische Dichtform, bestehend aus drei Versen mit insgesamt 17 Silben nach dem Schema fünf Silben (1. Vers), sieben Silben (2. Vers), fünf Silben (3. Vers)

Beispiel:

Der uralte Teich

Von dem Laubfroschsprung erzeugt:

Wasser-plitsch-platsch-laut. (Baschô)

Oder auch:

Lernen musst du heut.

Wenn du Bange-Bücher nimmst

Geht es wie von selbst.

Hebung

 

Bezeichnung für die betonte Silbe im Vers, Bezeichnung z.B. mit –

Hendiadyoin

(gr. eins durch zwei)

Ausdruck eines Sachverhaltes durch zwei gleichbedeutende Substantive oder Verben

Beispiel: Rauch und Dunst (Gryphius, An sich selbst)

Hexameter

(gr. sechs und Maß)

Antiker Vers, der aus sechs Versfüßen besteht und meist mit Daktylen gefüllt ist

Beispiel:

Sing, unsterbliche Seele, der sündigen Menschen Erlösung,

Die der Messias auf Erden in seiner Menschheit vollendet (Klopstock, Messias)

Hochwertwörter (auch religiöse Sprache)

Verwendung von Wörtern mit hohem moralischen oder religiösen Anspruch

Beispiel: Treue, Standhaftigkeit, Heiligkeit; Feierlichkeit und Ernsthaftigkeit der Aussage werden unterstrichen.

Humor

(lat. Körpersaft)

Haltung, die auch noch in widrigen Lebensumständen versöhnlich gestimmt ist und das Liebenswerte in der Unzulänglichkeit zu erkennen sucht; Gegensatz zum versöhnlichen Humor ist der schwarze Humor mit zynisch-pessimistischer Konfrontation.

Hymne

(gr. Festgesang)

Loblied auf Helden oder mit religiösem Inhalt, festlicher Grundton, nicht auf ein bestimmtes metrisches Schema festgelegt

Beispiel: Goethe, Ganymed

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Hyperbel

(gr. Darüberhinauswerfen)

Übertreibung

Beispiel:

Mir ist ich weiß nicht wie / ich seufftze für und für.

Ich weine Tag und Nacht / ich sitz in tausend Schmertzen

(Gryphius, Thränen in schwerer Krankheit. Anno 1640)

Hypotaxe

(gr. Unterordnung)

Fügung aus Haupt- und Nebensatz

Beispiel:

Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt,

mich stumm an deinem heil'gen Wert vergnüge,

dann hör' ich recht die leisen Atemzüge

des Engels, welcher sich in dir verhüllt (Mörike, An die Geliebte)

Ideologiesprache

(gr. Lehre von den Ideen)

Begriffe, die von einer politischen Weltanschauung bestimmt sind

Beispiel:

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd

Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt

Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung. (Brecht, An die Nachgeborenen)

Inversion

(lat. Umstellung)

Umkehr der gewöhnlichen Wortfolge, meist Subjekt nach Prädikat, Herausstellung bedeutungstragender Wörter, Erhöhung der Eindringlichkeit

Beispiel: Fällt hin der Mann (Haufs, Jeden Tag)

Ironie

(gr. Verstellung, Vorwand)

Unwahre Behauptung, die das Gegenteil von dem meint, was sie ausdrückt

Beispiel: Das ist aber ein schönes Wetter (bei Regen).

Jambus

(gr. schleudern)

Zweisilbiger > Versfuß, der aus einer kurzen (unbetonten) und einer langen (betonten) Silbe besteht

Beispiel:

Es eifre jeder seiner unbestochnen,

Von Vorurteilen freien Liebe nach! (Lessing, Nathan)

Kadenz

(zu lat. fallen)

Form des Versendes, einsilbig (stumpfe oder männliche Kadenz) oder zweisilbig (klingende oder weibliche Kadenz)

Beispiel:

• männliche Kadenz:

Acht Pfennige, das war das ganze Geld.

Ich scharrt' ihn ein auf selbigem Feld (Chamisso, Die Sonne bringt es an den Tag)

• weibliche Kadenz:

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,

Den unser Elend nicht konnt erweichen (Heine, Die schlesischen Weber)

Kehrreim

> Refrain

Kinderlied

Für Kinder gedachtes Lied, das sich durch kurze, einfache Strophen und eingängige Reime auszeichnet; besonders in der Romantik und im Biedermeier beliebt.

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Klapphornvers

Form des > Nonsens-Gedichts; Parodie auf ein Gedicht von Friedrich Daniel:

Zwei Knaben gingen durch das Korn,

Der andere blies das Klappenhorn.

Er konnt es zwar nicht ordentlich blasen,

Doch blies er's wenigstens einigermaßen.

Parodie behält zumeist den ersten Vers und die Reimwörter bei.

Klimax

(gr. Leiter)

Steigernde Aufzählung vom schwächeren zum stärkeren Begriff (Gegenteil: Antiklimax)

Beispiel: Er kam, sah, siegte.

Knittelvers

Paarweise gereimter Vierheber, beliebt vor allem in volkstümlichen Versen oder in Kinderliedern; freie Knittelverse weisen unregelmäßige Füllung der Senkungen auf, strenge Knittelverse füllen die Senkung nur mit einer Silbe.

Beispiel:

Da steh ich nun ich armer Tor,

Und bin so klug als wie zuvor!

Heiße Magister, heiße Doktor gar,

Und ziehe schon an die zehen Jahr'

Herauf, herab und quer und krumm

Meine Schüler an der Nase herum _

Und sehe, daß wir nichts wissen können!

Das will mir schier das Herz verbrennen. (Goethe, Faust)

Kolon

(gr. körpergliedartiges Gebilde)

Wort oder Wortgruppe als Sprecheinheit, bedingt durch Atempause oder Wechsel der Tonhöhe, nicht abhängig vom Metrum oder vom Versende

Beispiel: (die einzelnen Kola sind durch // gekennzeichnet)

Es ist so still, // die Heide liegt

Im warmen Mittagssonnenstrahle, //

Ein rosenroter Schimmer fliegt //

Um ihre alten Gräbermale; //

Die Kräuter blühn; // der Heideduft

Steigt in die blaue Sommerluft. // (Storm, Abseits)

Komik

(gr. nächtlicher Umzug)

Effekt, der sich als Lächeln, Lachen oder Spott äußert und der auf dem Wider-spruch zwischen angestrebtem und tatsächlichem Sinn, zwischen Schein und Sein beruht.

Konkrete Poesie

Form der modernen Lyrik, die sich der Sprache z.B. unter visuellen oder akustischen Gesichtspunkten bedient (z.B. in Form ornamentaler Anordnung)

Kreuzreim

> Reimformen

Kunstballade

> Ballade

Langvers

Einheit, die aus zwei Kurzversen mit 2-4 Hebungen besteht und durch einen Einschnitt voneinander getrennt ist (> Zäsur); besonders in der germanischen und mittelhochdeutschen Dichtung; ein Langvers ist auch der im Barock beliebte Alexandriner.

Beispiel: Uns ist in alten maeren wunders vil geseit (Nibelungenlied)

und Opitz, Francisci Petrarchae

Lautmalerei

Nachahmung von Lauten mit Hilfe der zur Verfügung stehenden Wörter

Beispiel:

Es klappert die Mühle am rauschenden Bach:

Klipp. Klapp! (Anschütz)

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Lehrhafte Dichtung

 

Gedicht, meist aus dem Bereich der > Gedankenlyrik, mit einem lehrhaften, moralischen, aufklärenden Inhalt

Beispiel: Gellert, Der Tanzbär

Leitmotiv

Gegenstand, Situation oder Formulierung, die durch Wiederholung der Charakterisierung bzw. als Strukturhilfe dienen

Beispiel: die Glocke in Schillers Das Lied von der Glocke

Lied

Sangbare oder tatsächlich zu einer Melodie gesungene, strophisch gegliederte und gleichmäßig aufgebaute lyrische Kurzform, besonders in der Romantik beliebt, vgl. Vertonungen von Schubert; Bezeichnung steht auch für einfache

Gedichte mit besonderer Betonung des Rhythmus.

Beispiel: Goethe, Mailied

Limerick

(Name einer irischen Stadt)

Zählt zu > Nonsens-Gedicht; einstrophiger Fünfzeiler mit dem Reimschema aabba, Hebungszahl vorgeschrieben: 3, 3, 2, 2, 3, im letzten Vers zumeist unsinnige, groteske Wendung

Beispiel:

There was a young lady of Riga,

Who rode with a smile on a tiger.

They returned from the ride

With the lady inside

And a smile on the face of the tiger. (Kipling)

Litotes

(gr. Einfachheit)

Verneinung des Gegenteils

Beispiel: nicht schlecht

Lyrisches Ich

Bezeichnung für den Sprecher im Gedicht (= Erzähler in epischen Texten), darf nicht mit dem Dichter verwechselt werden, auch wenn es ihm in Stimmungen und Gedanken sehr nahe kommt

Metapher

(gr. Übertragung)

Bildhafter Ausdruck, bildhafte Unterstützung der Aussage, Verstärkung der Suggestion im Dienste von Aufwertung oder Abwertung

Beispiel: corall der lippen (Hofmann von Hofmannswaldau, Vergänglichkeit der Schönheit)

Metonymie

(aus gr. einen anderen Namen bekommen)

Umbenennung, indem verwandte Begriffe vertauscht werden

Beispiel: Sie liest Kafka.

Metrum

(gr. Maß)

1. Bezeichnung für kleinste Einheit im Vers (= Versfuß), mehrere Metren bilden das Versmaß

2. Bezeichnung für Versmaß, das sich nach Betonung und Dauer bestimmt und den Takt (Versfuß) als kleinste rhythmische Einheit hat. Aufgrund der natürlichen Sinnbetonung unterscheidet man die Versfüße > Jambus, > Trochäus, > Daktylus, > Anapäst.

Minnesang

Hauptform der weltlichen Lyrik des Mittelalters; als unterhaltsame Gesellschaftsdichtung (keine Erlebnislyrik) gedachte Liebesdichtung, in der höfische Ideale wie triuwe und mâze verarbeitet werden

Beispiel: Albrecht von Johansdorf, Ich vant âne huote

Montage

(frz. Zusammenstellung, Aufbau)

Ausdruck aus Film, Drama, Epik und Lyrik, der die Zusammenstellung von Teilen unterschiedlicher Herkunft zu einem neuen Sinnzusammenhang meint; Ziel: Sichtbarmachung von Zusammenhängen, Anregung zum Nachdenken

Beispiel: Markenstecher Uhrenkleber, aus: Markenkleber, Stechuhr, Manitypistin Stenoküre, aus: Stenotypistin, Maniküre (Enzensberger, Bildzeitung)

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Moritat

Lied des Bänkelsängers zur Drehorgel, Inhalt zumeist schaurige Mordgeschichte, andere Bezeichnung für > Bänkelsang

Motiv

(lat. bewegen)

Beweggrund von Handlung; in der Dichtung auch als abstraktes thematisches Grundschema

Beispiel: Motiv der zwei Identitäten in Annette von Droste-Hülshoffs

Judenbuche und Das Spiegelbild

Naturlyrik

Bezeichnung für Gedichte mit Beschreibungen von Naturerscheinungen

Beispiel: Goethe, Mailied

Neologismus

(aus gr. neu + Wort)

Wortneuschöpfung

Beispiel: Knabenmorgenblütenträume (Goethe, Prometheus)

Nominalstil

Übertriebener Gebrauch von Substantiven

Beispiel: der Verkauf des Hauses des der Stadt Entflohenen

Nonsens-Gedicht

(engl. Unsinn)

Gedicht, das in formaler und/oder inhaltlicher Hinsicht zwar korrekt bzw. stimmig ist, das aber keinen Sinn ergibt

Beispiel:

Kroklokwafzi? Semememi!

Seiokrontro _ prafriplo:

Bifzi, bafzi; hulalemi:

Quasti basti bo...

Lalu lalu lalu lalu la! (Morgenstern, Das große Lalula)

Ode

(gr. Gesang, Lied)

Feierliches, meist reimloses Gedicht mit festgelegter Strophenform, das von Erhabenheit und Würde geprägt ist. Odenstrophen sind z.B. die > Alkäische Strophe, > Asklepiadische Strophe, Sapphische Strophe

Beispiel:

Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht

Auf die Fluren verstreut, schöner ein froh Gesicht,

Das den großen Gedanken

Deiner Schöpfung noch einmal denkt.

(Klopstock, Der Zürcher See)

Oxymoron

(aus gr. scharf + dumm)

Verbindung einander widersprechender Begriffe

Beispiel: kalte Hitze

Paarreim

> Reimformen

Paradoxon

(gr. gegen + Meinung, Lehre)

Scheinwiderspruch

Beispiel: Im Sommer ist mir kalt / im Winter ist mir heiß

(Opitz, Francisci Petrarcae)

Parallelismen

(gr. gleichlaufend)

Wiederholung von gleichen syntaktischen Fügungen

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Parataxe

(gr. Danebenstellen)

Aneinanderreihung von Hauptsätzen

Beispiel:

Ernst isst, Heike schläft, Klaus singt und Henriette liest.

Parenthese

(gr. Einschub)

Vollständiger Satz wird in geschlossene Satzkonstruktion eingeschoben

Beispiel:

Es war früh am Morgen – die Sonne war schon aufgegangen –, als sie endlich zu Hause ankamen.

Parodie

(gr. Gegengesang)

Form eines bekannten Gedichtes (oder eines anderen literarischen Werkes) wird übernommen und mit einem neuen, meist nicht zum ursprünglichen Gehalt passenden Inhalt versehen (Gegenteil ist die Travestie, bei der der ursprüngliche Inhalt in eine veränderte Form eingepasst wird.)

Beispiel:

Er stand auf seines Daches Zinnen,

Und schaute mit vergnügten Sinnen

Auf zwei belegte Brote hin.

„Dies alles ist mir viel zu wenig",

Begann er zu Ägyptens König,

„Gestehe, dass ich hungrig bin." (Parodie auf Schiller, Ring des Polykrates)

Pars pro toto

> Synekdoche

Pentameter

(gr. fünf und Maß)

Antikes Versmaß, das, anders als der Name vermuten lässt, aus sechs Hebungen besteht (dritter und sechster Daktylus ohne Senkung), daher als verkürzter Hexameter zu betrachten.

Beispiel:

Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab. (Schiller, Das Distichon)

– v – v v – /  / – v v – v v –

Periphrase

(aus gr. ringsum einschließen)

Umschreibung eines Begriffs

Beispiel: dem großen Tröster (für Gott) aus Gryphius, An sich selbst

Personifizierung

(aus gr. Person + machen)

Vermenschlichung

Beispiel: die müde Seele ruft (Gryphius, An sich selbst)

Pleonasmus

(aus gr. reichlich vorhanden sein)

Zusammenstellung von Wörtern mit ähnlicher Bedeutung

Beispiel: weißer Schimmel

Poesie

(gr. machen)

Allgemeine Bezeichnung für Dichtung; als Bezeichnung für Versdichtung steht sie im Gegensatz zur > Prosa

Pointe

(frz. Spitze, Schärfe)

Überraschende und effektvolle Wendung durch einen geistreichen Schluss-gedanken

politische Lyrik

Gedichte, die politische Themen zum Inhalt haben. Ziel: Schärfung des Be-wusstseins, der Kritikfähigkeit, auch politische Beeinflussung des Lesers

Beispiel: Brecht, An die Nachgeborenen

Polysyndeton

(aus gr. viel + verbunden)

Verbindung einzelner Wörter oder Satzglieder mit der gleichen Konjunktion

Beispiel: Die Zeitung und das Fernsehen und das Radio und das Internet sind

wichtige Informationsquellen.

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Prosa

(lat. geradeaus gehende Rede)

Nicht durch Reim oder Metrum gebundene Redeweise, Gegensatz zur > Poesie im engeren Sinne

Beispiel: > Prosa-Gedicht

Prosa-Gedicht

Lyrische Bearbeitung eines Stoffe, ohne Endreim oder exaktes Metrum, ohne besonders betonten Rhythmus (Mitte zwischen rhythmischer Prosa und > freien Rhythmen)

Beispiel:

Das kleine Haus unter Bäumen am See.

Vom Dach steigt Rauch.

Fehlte er,

Wie trostlos dann wären

Haus, Bäume und See. (Brecht, Der Rauch)

Refrain

(provenz. regelmäßiges Sichbrechen der Wellen an Klippen)

Wörtliche oder leicht veränderte Wiederholung eines Textteils in einem Gedicht oder einem Lied

Beispiel:

Röslein, Röslein Röslein rot,

Röslein auf der Heiden. (Goethe, Heidenröslein)

Reim

Gleichklang zweier oder mehrerer Wörter vom letzten betonten Vokal an

Beispiel:

Die Mitternacht zog näher schon;

In stummer Ruh lag Babylon. (Heine, Belsazar)

Reimformen

Binnenreim: Reimwörter innerhalb einer Verszeile

Beispiel: (nächste Seite)

Vom Himmel kommt es,

Zum Himmel steigt es,

Und wieder nieder

Zur Erde muß es

Ewig wechselnd. (Goethe, Gesang der Geister über den Wassern)


Kreuzreim: a b a b

Beispiel:

Ich vant âne huote

die vil minneclîchen eine stân.

sâ dô sprach diu guote,,waz welt ir sô eine her gegân?' (Albrecht von Johansdorf, Ich vant âne huote)


Paarreim: a a b b

Beispiel:

Nur oben in des Königs Schloß,

Da flackert's, da lärmt des Königs Troß. (Heine, Belsazar)



Umschließender Reim: a b b a

Beispiel:

Sooft der Mond mag scheinen,

Gedenk' ich dein allein,

Mein Herz ist klar und rein,

Gott wolle uns vereinen! (Brentano, Der Spinnerin Lied)



Schweifreim:
a a b c c b

Beispiel:

Als mitten in dem Feld mich / HErr / der Todt ergriff /

Der hinter mir in Sturm / vor mir in Flammen lieff /

Vor mir die Bahn verfällt / und über mir die Hütten

In leichte Splitter stieß. Doch lebt ich / HErr / durch dich /

Mir selber war ich todt / dein Engel wacht um mich /

Stets neu gebohren wird / den GOtt wil stets begütten.

(Gryphius, Auf das grausame Ungewitter)

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Reiner Reim

Reimsilben zweier Verse sind vollkommen identisch

Beispiel: verwesen, erlesen

Rhetorische Fragen

(gr. die Redekunst betreffend)

Uneigentliche Fragen, die Zustimmung oder Ablehnung implizieren

Beispiel: Ist damit nicht alles in bester Ordnung?

Rhythmus

(zu gr. fließen)

Harmonische Sprachbewegung, die aus dem Metrum und der dem natürlichen Sinn folgenden Betonung resultiert

Rollengedicht

Lyrisches Ich spricht aus einer bestimmten Rolle heraus, die meist durch den Titel definiert wird Beispiel: Goethe, Prometheus, Bürger, Der Bauer

Romanze

Romanisches Gegenstück zur > Ballade

Beispiel: Heine, Romanzero

Romanzenstrophe

In altspanischer Dichtung: achthebiger, trochäischer Vierzeiler mit Mittelzäsur und Assonanz; in neuerer spanischer Lyrik vierhebiger, reimloser Vierzeiler mit Trochäen; in deutscher Poesie meist mit Kreuzreim und wechselnden Kadenzen

Beispiel:

Reich gezieret mit Geschenken

Seiner schönen Lindaraja,

Reiset ab der tapfre Gaul,

Geht nach Gelves zum Turniere.

Mit sich führet er vier Pferde,

Reich bedeckt mit goldnen Decken,

Wo sich tausendmal der Name

Bencerraja schlingt in Golde. (Herder, Gazul und Zaida)

Rührender Reim

Gleichklang zweier oder mehrere Wörter vom letzten betonten Vokal an, der auch die davor stehenden Konsonanten einschließt

Beispiel: schwirrt es / Wirtes

Satire

 

(lat. mit verschiedenen Früchten gefüllte Opferschale)

Keine Gattung, sondern eine Haltung, die mit allen literarischen Gattungen eine Verbindung eingehen kann. Kennzeichen: spöttische Haltung, die kritisiert und dadurch eine Verbesserung der Zustände erreichen will.

Beispiel:

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,

behaart und mit böser Visage.

Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt

Und die Welt asphaltiert und aufgestockt,

bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,

in zentralgeheizten Räumen.

Da sitzen sie nun am Telefon

Und es herrscht noch genau derselbe Ton

Wie seinerzeit auf den Bäumen. (Kästner, Die Entwicklung der Menschheit)

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Scherzgedicht

> Nonsens-Gedicht

Schüttelreim

Reimspiel durch Vertauschung der anlautenden Konsonanten der Reimsilben

Beispiel: Karl geht es heute richtig schlecht // Er gab mir vorhin sogar Recht.

Schweifreim

> Reimformen

Senkung

Unbetonte Silbe im Gegensatz zur betonten Silbe (> Hebung). Bezeichnung

z.B. mit v

Sinnbild

Deutsches Wort für > Symbol bzw. > Emblem

Sinngedicht

Deutsches Wort für > Epigramm

Sonett

(zu ital. Ton, Klang)

Streng aufgebaute Gedichtform, bestehend aus zwei Quartetten und zwei Terzetten

Beispiel: Gryphius, Thränen in schwerer Krankheit. Anno 1640

Stabreim

> Alliteration

Stanze

(ital. Zimmer)

Strophenform aus fünfhebigen jambischen Achtzeilern mit abwechselnd männlicher und weiblicher Kadenz und festgelegtem Reimschema: ab ab ab cc

Beispiel:

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,

Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.

Versuch' ich wohl, euch diesmal festzuhalten?

Fühl' ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?

Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten,

Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;

Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert

Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert. (Goethe, Faust I, Zueignung)

Stil

(lat. Griffel)

Besondere Eigenart einer künstlerischen Darstellung

Stimmungslyrik

> Erlebnislyrik

Strophe

(gr. Wendung)

Verbindung mehrerer Verse zu einer Sinneinheit als (auch optisches) Gliederungselement eines Gedichtes

Beispiel:

Zum Frühstück Meister Nikolas;

Die junge Hausfrau schenkt' ihm ein,

Es war im heitern Sonnenschein. _

Die Sonne bringt es an den Tag.Die Sonne blinkt von der Schale Rand,

Malt zitternde Kringeln an die Wand;

Und wie den Schein er ins Auge faßt,

So spricht er für sich, indem er erblaßt:

„Du bringst es doch nicht an den Tag."

(Chamisso, Die Sonne bringt es an den Tag)

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Superlativ

(lat. überragend)

Höchststufe bei der Komparation des Adjektivs

Beispiel: die einsamsten Lebewesen

Symbol

(gr. Kennzeichen, Merkmal)

Konkrete Zeichen, die auf abstrakten Inhalt hindeuten

Beispiel: Herz als Symbol für Liebe

Synästhesie

(aus gr. zusammen + Wahrnehmung)

Vermischung verschiedener Sinneswahrnehmungen

Beispiel:

Betäubt kehr' ich den Blick nach oben hin,

zum Himmel auf - da lächeln alle Sterne;

ich kniee, ihrem Lichtgesang zu lauschen. (Mörike, An die Geliebte)

Synekdoche

(gr. andeutend)

Engerer Begriff steht für weiteren Begriff, ein Teil steht für das Ganze

(pars pro toto)

Beispiel: der Mensch für die Menschheit

Takt

> Metrum

Tautologie

(gr. dasselbe + Wort)

Ausdruck eines Sachverhaltes durch zwei sinnverwandte Wörter

Beispiel: gut vnd recht (Opitz, Francisci Petrarchae)

Terzine

Kettenreim (a b a   b c b   c d c   d e d   usw.), bestehend aus fünffüßigen Jamben

Beispiel:

Wir sind aus solchen Zeug wie das zu Träumen,

und Träume schlagen so die Augen auf

Wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen,

Aus deren Krone den blaßgoldnen Lauf

Der Vollmond anhebt durch die große Nacht.

... Nicht anders tauchen unsre Träume auf.

(von Hofmannsthal, Über die Vergänglichkeit III)

Trias

(gr./lat. Dreiheit)

Drei-Wort-Häufung

Beispiel:

(...) schön besudelt mit Strafzetteln,

Schweiß,

atomarem Dreck: (...) (Enzensberger, Bildzeitung)

Trochäus

(gr. laufen)

Zweisilbiger Versfuß, der aus einer langen (betonten) und einer kurzen (unbetonten) Silbe besteht

Beispiel: Mauer (– v), Leben (– v)

Umgangssprachliche Wendungen

Worte aus der gesprochenen Sprache

Beispiel:

Fällt hin der Mann. Steht auf

Kriegt Fresse voll. Ein Fotograf macht Geld

Mit seinem Blut. (...) (Haufs, Jeden Tag)

Umschließender Reim

> Reimformen

Unreiner Reim

Reimsilben zweier Verse sind ähnlich, aber nicht identisch

Beispiel: spannte/Lande

Verbalstil

Art des Schreibens, bei der zahlreiche bedeutungstragende Verben vorkommen

Beispiel:

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,

er steigt um ihr wehendes Haar,

er fällt ihr ins Wort,

er befiehlt ihr zu schweigen,

er findet sie sterblich

und willig dem Abschied

nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um. (Bachmann, Die gestundete Zeit)

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Vergleich

Verbindung zweier Bereiche mittels eines Vergleichspunkts (tertium comparationis), zumeist mit dem Vergleichswort wie

Beispiel: Er ist so stark wie ein Löwe.

Vers

(lat. Reihe, Zeile, Umwendung)

Gegliederte, poetisch gestaltete Wortfolge (Gegensatz: Prosa)

Beispiel:

Gemächlich in der Werkstatt saß

Zum Frühstück Meister Nikolas;

Die junge Hausfrau schenkt' ihm ein,

Es war im heitern Sonnenschein. _

Die Sonne bringt es an den Tag.

(Chamisso, Die Sonne bringt es an den Tag)

Versfuß

> Metrum

Versmaß

> Metrum

Volksballade

Mündlich überlieferte > Ballade mit meist einfachem Satz- und Strophenbau

Beispiel: Goethe, Es war ein König in Thule

Volkslied

Gereimtes Lied, das auf unbekannten Verfasser zurückgeht und eine große Popularität besitzt Beispiel: Arnim/Brentano: Des Knaben Wunderhorn)

Volksliedstrophe

Vierzeiler mit Kreuzreim, meist dreihebige Jamben mit abwechselnd männlicher und weiblicher Kadenz; meist allgemeinmenschliche Inhalte wie Schmerz, Abschied, Tanz, Tod

Beispiel:

In einem kühlen Grunde

Da geht ein Mühlenrad

Mein Liebste ist verschwunden,

Die dort gewohnet hat. (Eichendorff, Das zerbrochene Ringlein)

Waise

Reimloser Vers innerhalb eines gereimten Versgefüges

Beispiel: Die Sonne bringt es an den Tag.

(Chamisso, Die Sonne bringt es an den Tag)

Wiederholung

Begriffe oder ganze Sätze werden wortgleich mehrfach verwendet.

Beispiel:

Ich schreibe ein Gedicht.

Ich veranstalte eine Expedition.

Ich mache mich davon

aus Antwort und Beweis. (Weyrauch, Mein Gedicht)

Zäsur

(lat. Einschnitt)

Regelmäßig wiederkehrende Pause innerhalb eines Verses, durch die der Versfuß getrennt wird.

Beispiel: Mir ist ich weiß nicht wie / ich seufftze für und für.

Ich weine Tag und Nacht / ich sitz in tausend Schmertzen;

(Gryphius, Thränen in schwerer Krankheit. Anno 1640)

Zeugma

(gr. Fessel, Joch)

Ungewöhnliche Verbindung zweier Satzglieder, meist durch ein gemeinsames Prädikat

Beispiel: Sie hat ein Auto und Kopfschmerzen.

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