Literaturanalyse

Zeitgestaltung

Erzählzeit
  • = Spanne, die von der sprachlichen Realisierung von der Lektüre gefüllt wird
Erzählte Zeit
  • = innere Zeiterstreckung des Erzählgeschehens; Zeitdauer, die das erzählte Geschehen in Wirklichkeit ausfüllen würde

Erzähltempo

Zeitdeckung
  • Erzählzeit und erzählte Zeit sind gleich lang
  • z.B. Wiedergabe direkter Rede, besonders im Naturalismus; ähnelt der Zeitstruktur im Drama
Zeitdehnung
  • Erzählzeit ist länger als erzählte Zeit
  • v.a. bei Wiedergabe von Gedanken, Träumern oder komplizierten Bewußtseinsvorgängen
  • z.B. in moderner Romanprosa, ähnelt der Zeitlupentechnik im Film
Zeitraffung
  • Erzählzeit ist kürzer als erzählte Zeit
  • nach Intensität und Art variable perspektivische Verkürzung der Geschehensdauer; das negativ kennzeichnende Prinzip allen Erzählens

Raffungstechniken

1. Aussparung/ Überspringen/ Zeitsprung
  • Extremfall der Raffung
  • verknüpfende und abgrenzende Doppelfunktion
  • explizit (Zeitspanne wird direkt im Text erwähnt) oder implizit (Zeitspanne ist indirekt aus dem Text erschließbar) erwähnt
  • bestimmt (zeitliche Dauer ist genau bestimmt: "nach 24 Stunden...") oder unbestimmt ("einige Zeit später")
  • häufig gebrauchtes Kunstmittel; offensichtliches Verschweigen kann generelle Funktion haben, die Phantasie des Lesers anzuregen
2. Sukzessive Raffung
  • eine in Richtung der erzählten Zeit fortschreitende Aufreihung von Begebenheiten
  • verschiedene Intensitätsstufen: Schritt- und Sprungraffung
  • Grundformel: "Dann ... und dann ..."
  • Ordnungsmacht der sukzessiven Raffung ist die Zeit selbst
3. Iterativ-durative Raffung
  • Zusammenfassung eines mehr oder weniger großen Zeitraums durch Angabe einzelner regelmäßig sich wiederholenden Begebenheiten (iterativ) oder allgemein, den ganzen Zeitraum überdauernde Gegebenheiten (durativ)
  • gleiche Grundtendenz: ruhende Zuständlichkeit (iterativ: "Immer wieder in dieser Zeit", durativ: "Die ganze Zeit hindurch"), deshalb nicht selten zusammengefaßt
  • iterativ bestimmt oft Kindheitsepisoden und Biographien
  • Ordnungsmacht der iterativ-durativen Raffung ist die Zeit nur im Rahmen, stattdessen treten Raum und Thematik in den Vordergrund

Ordnungswidrigkeiten in der Erzählung
Anachronie = Oberbegriff, sie läßt die Ordnung des Geschehens und die Ordnung der Erzählung auseinander treten.
Der Erzähler ist in seiner Geschichte nicht an das Jetzt und Hier des Erzählten bzw. Erlebten gebunden. Die Einbildungskraft und Sprache ermöglichen den Rückschritt in die Vergangenheit und den ungewissen Vorgriff in die Zukunft. Die zwei Formen bzw. Richtungen der zeitlichen Umstellung: Rückwendung, Vorausdeutung

Rückwendung, auch Analepse genannt, läßt sich definieren als Unterbrechung der fiktiv-gegenwärtigen Handlungsfolge und Einschub von Ereignissen, die schon früher stattgefunden haben und jetzt nachgetragen werden müssen.
Sonderfall: Vorzeithandlung
Sie ist eine abgeschlossene Erzählung innerhalb der Erzählung, die vor der Haupthandlung, aber auf der gleichen Zeitachse mit ihr liegt. Sie kann z.B. ein rätselhaftes Geschehen der Haupthandlung nachträglich aufklären (z.B. in Kriminalromanen).

Standardisierte Form der Rückwendung
Aufbauende Rückwendung = die jeweils zweie Erzählphase von Texten, Texte beginnen mit einem unmittelbar szenischen Erzähleinsatz oder mit exakter Datierung. Sie kann einen halben Satz oder ein ganzes Kapitel umfassen.
Auflösende Rückwendung = häufig letzte oder zweitletzte Erzählphase eines Textes, greift ein bislang nur teilweise erzähltes Geschehen nochmals von Anfang an auf, um Lücken und Geheimnisse der Geschichte aufzulösen (v.a. in Detektivgeschichten).
Eingeschobene Rückwendung = kann überall in Erzählzusammenhang auftreten. 1. Rückschritt holt die besondere Geschichte eines Gegenstandes oder einer Person bis zu ihrem Eintritt in die Handlung in mehr oder weniger großen Schritten nach. 2. Rückgriff als punktueller Verweis auf ein Faktum in der Vergangenheit, das nicht mehr als Handlungsablauf rekapituliert wird. 3. Rückblick einer Figur auf ihre Vergangenheit.

Vorausdeutung, auch Prolepse genannt, nimmt einen späteren Punkt innerhalb er erzählerischen Chronologie vorweg oder greift über deren Endpunkt hinaus.
Zwei erzähllogische Qualitäten lassen sich unterscheiden: Zukunftsungewisse Vorausdeutung = alle Aussagen oder Empfindungen von Handlungsfiguren über ihre Zukunft.
Zukunftsgewisse Vorausdeutung = häufig ein direkt angekündigtes Ereignis oder eine später in die Handlung tretende Figur.

Standardisierte Formen der Vorausdeutung Einführende Vorausdeutung = kündigt Figur, Thema, Geschehen oder Ausgang schon im Titel, Vorwort oder Erzählbeginn an.
Abschließende Vorausdeutung = am Ende der Erzählung wird in eine nicht mehr erzählte Zukunft verwiesen (z.B. "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute"). Eingeschobene Vorausdeutung = meist am Kapitelende oder -anfang, bezieht sich auf Verlauf und Ausgang der Gesamterzählung.

Problem mit der Gleichzeitigkeit
Viele Ereignisse und Handlungen finden nicht nur nacheinander, sondern gleichzeitig statt und sind somit zeitlich und räumlich verteilt. Die Sprache dagegen ist wesentlich als einspurige zeitliche Abfolge Strukturiert.
Der Leserschaft wird signalisiert, sich das an zweite Stelle erzählte Ereignis gleichzeitig mit dem ersten zu denken (z.B. "Unterdessen wurde die Stadt Lissabon durch ein Erdbeben zerstört."). Über den Rückgriff wird ein einheitlicher Erzählfaden hergestellt, wobei an den Verknüpfungsstellen gewisse Ereignisse als simultan, überlappend erscheinen.

Claudio Mende
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