Literaturanalyse

Erzählerbericht, Personenrede, Bewußtseinsdarstellung

Erzählerbericht

1. Beschreibung
  • "zeitlose" Erzählweise
  • Schilderung sichtbarer Eigenschaften von Personen, Dingen oder Sachverhalten
  • Integration in zeitlichen Verlauf
    • Beschreibung wird in Handlung umgesetzt
    • eine Person charakterisiert eine andere
  • häufig zur Kennzeichnung von Ort oder Zustand verwendet
2. Erörterung
  • fiktive Einschaltung von Reflexionen
  • Formulierung allgemeiner Sachverhalte und Fragestellungen
  • Kommentare, Leseranrede, Vor-/Rückgriffe
  • Sentenz: Sinn- oder Denkspruch, der eine Erkenntnis knapp und präzise formuliert
  • "erzählende" wird zu "besprechender" Funktion des Erzählens
  • besonders in Romanen des 20. Jh.s beliebt (Th. Mann, R. Musil)
3. Bericht
  • Grundform des epischen Erzählens
  • straffe Rekapitulation des Geschehens ohne Ausschmückungen
  • rahmende oder stützende Funktion, dient oft der Exposition
  • zeitraffend, Grundform: sukzessive Zeitraffung
  • Mittelbarkeit des Erzählens => Erzähler deutlich spürbar
3.1 Redebericht
  • Bericht über Äußerungen der Figuren
  • zeitraffend, da Inhalt vernachlässigt wird
  • Erzähler als Vermittler und Ordner => rückt Personen in bestimmte Perspektive und drückt Distanz aus
  • meist gliedernde oder überbrückende Funktion, kann aber auch der indirekten Charakterisierung der Figuren und der Kommunikationssituation dienen
3.2 Gedankenbericht
  • im 17. und 18. Jh. beliebt, da Aktstruktur und nicht Aussagestruktur interessiert
  • Autorität des Erzählers; er zensiert, wertet und faßt zusammen
  • drei thematische Schwerpunkte:
    • Gedanken und Gefühle von Kindern
    • Erzähler will Figuren mit ihren Gedanken und Gefühlen ironisieren
    • Wahrnehmungen und Empfindungen sind dem Bewußtsein der Figur entzogen
  • einzige Methode, in vorsprachliches Bewußtsein der Figur vorzudringen
  • Erzähler hat Erzählung in der Hand, nicht Figur
4. szenische Darstellung
  • dialogische und direkte Personenrede => Tendenz zum Drama
  • annähernd zeitdeckend
  • Illusion der Unmittelbarkeit; Erzähler kann spürbar bleiben, sich aber auch komplett zurückziehen

Personenrede

1. direkte Rede
  • Äußerungen werden genauso wiedergegeben, wie Figur sie geformt hat => Subjektivität wird zur Geltung gebracht => Emanzipation der Figur
  • Grammatische Merkmale:
    • ist durch Satzzeichen, wie Anführungszeichen, Doppelpunkt und Komma gekennzeichnet
    • Inquit-Formel (verbum dicendi, verbum credendi) er|sie|es sagt: "...".
    • Personenrede ist syntaktisch unabhängig von der Inquit-Formel
  • unterbricht den Erzählfluß
  • wichtige Funktion: indirekte Charakterisierung (durch Erzähler)
  • wirkt unmittelbar anschaulich
  • Leser wird durch Unmittelbarkeit stark involviert
2. indirekte Rede
  • Grammatische Merkmale:
    • nicht durch Satzzeichen gekennzeichnet
    • Personenrede steht im Nebensatz => Abhängigkeit von der Inquit-Formel
    • gekennzeichnet durch Konjunktiv und Verschiebung in die 3. Person
  • Erzähler referiert Äußerungen, ist bestimmend, stellt Gesagtes in Frage
  • er ist distanziert und mittelbar, aber Personenstimme schwingt mit
  • zeitraffend
  • geringe Intensität
  • Distanz ist größer, da zwischen Leser und Person noch der Erzähler steht
Kombination direkter und indirekter Rede
  • vermeidet Monotonie, da Erzähltempo und Distanz variiert
  • wird daher oft bei abstrakten Themen eingesetzt
  • hält Gleichgewicht zwischen Erzähler und Figur aufrecht

Bewußtseinsdarstellung

1. erlebte Rede
  • gekennzeichnet durch 3. Person, Beibehaltung des Erzähltempus, deiktische Begriffe, gefühlsbetonte Ausrufe oder rhetorische Fragen
  • Erzähler bleibt dominant, bestimmt grammatische Randbedingungen
  • als sehr "natürlich" empfundene Gedankenwiedergabe, erfaßt auch flüchtige Gedanken
  • Erzähler kann hinter Figur zurücktreten, um ihr Platz für Gedanken zu lassen ("consonance" nach Cohn); Erzähler kann sich einschalten, z.B. durch Inquit-Formel oder ironische Färbung, so daß eine Spannung zwischen Erzähler und Figur entsteht ("dissonance" nach Cohn)
  • fand bereits im 17. und 18. Jh. Verwendung, erlebte Höhepunkt im Naturalismus
  • wichtigste Form im psychologischen Roman
2. innerer Monolog
  • entwickelte sich aus dem 19. Jh. aus dem Selbstgespräch
  • syntaktisch entspricht er der direkten Rede: unabhängig, Präs., 1. P., Indikativ
  • zeigt genau und unmittelbar Bewußtseinsvorgänge einer Figur auf => zeitdehnend
  • Diskrepanz zwischen flüchtigen, wirren Gedanken und Ausformulierung
  • Temporalproblematik: Figur unter Zeitdruck, muß sich zeitdehnender Form anpassen
  • Ziel ist oft Identifikation des Lesers mit der Figur
  • ist an formale Gestaltungskriterien gebunden
  • im Vergleich zum Bewußtseinsstrom eher reflektierend
  • direkte Gedanken der Person
3. Bewußtseinsstrom (stream of conciousness)
  • Begriff 1890 von William James geprägt
  • keine formalen Gestaltungskriterien => kann syntaktische und grammatische Regeln z.B. durch Ellipsen durchbrechen
  • zeigt unmittelbar, unkontrolliert und sprunghaft Bewußtseinsvorgänge auf
Claudio Mende
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